Würzburg

SONNTAGS - Merkur

4. November 2001

Das Internetcafé St. Thekla holt Senioren ans Netz

E-Mail vom Enkel

Klicken, surfen, chatten: Online geht längst nicht nur die Jugend. In der Domstadt gibt es viele interessante Angebote für jung gebliebene Alte.
 
Von: Anja Legge
Dienstagmorgen, zehn Uhr: Wohlige Wärme, ein paar Blumen auf dem Tisch, es duftet nach Kaffee. In dem kleinen Raum mit Käppele-Blick schnattern aufgeregte Frauenstimmen, dazwischen Gelächter und eifriges Tippen auf Computertastaturen. Sechs Augenpaare blicken konzentriert auf die vor Ihnen flimmernden Bildschirme. Während eine Dame im Weißen Haus herumstöbert, kämpft nebenan eine andere mit einer E-Mail, die sich nicht wunschgemäß verhält...

Ein EDV-Fortbildungskurs? Nein, hier surfen Senioren im Internet. An zwei Tagen pro Woche können dynamische Rentner im „Internetcafé – von Senioren für Senioren“ in St. Thekla surfen, mailen und chatten. „Die Idee, in Würzburg einen solchen Treffpunkt für Senioren aufzubauen, entstand schon 1999“, erinnert sich Gründer Herbert Schmidt. Damals lief im Internet ein von Roman Herzog unterstütztes Telekom-Projekt: „Ein Leben lang lernen – Senioren ans Netz“. Das sprach den gebürtigen Berliner sofort an. Schon immer war er von den Möglichkeiten der virtuellen Welt begeistert. Die wollte er nun auch älteren Menschen nahe bringen.

Also knüpfte er Kontakte in ganz Deutschland und gelangte schließlich über die GeFökoM – die Gesellschaft zur Förderung kommunikativer Medien – an die kommunale Würzburger Beratungsstelle für Senioren und Menschen mit Behinderungen. Dort war man spontan begeistert. Ein Raum fand sich rasch, und so konnte mit kräftigen Investitionshilfen der Stadt am 6. April 2000 in der BRK-Altentagesstätte des Ehehaltenhauses ein erstes Senioren-Internetcafé öffnen.

 
Alles auf neuestem Stand
650 Besucher zählte man, bis die Altentagesstätte samt Café schließen musste. Aus? Nein! Bereits im Dezember 2000 stellte St. Thekla-Heimleiter Hans Heidenfelder den „wilden Alten“ – wie Schmidt gerne sagt – einen neuen Raum zur Verfügung. Hier können die rüstigen Rentner für einen kleinen Obolus surfen und von den technischen Möglichkeiten profitieren. Und die sind in der Tat enorm: Fünf Rechner sind am Netz, außerdem stehen Farbdrucker und Scanner zur Verfügung. Alles ist auf dem neuesten Stand der Technik, von TDSL bis hin zur Vernetzung der einzelnen Terminals.
Seit Eröffnung im März dieses Jahres hat Schmidt, der Rentner mit Full-Time-Job, rund 1500 Besucher gezählt. Außerdem konnten bereits Ableger in Ochsenfurt, Schweinfurt und Marktheidenfeld gegründet werden. Aktuellstes Bestreben ist der Aufbau eines Cafés in Kitzingen, für das noch interessierte ortsansässige Mitarbeiter gesucht werden. Stadt Würzburg und Bezirk Unterfranken fördern die Initiative finanziell. In der Hauptsache tragen sie aber die vielen ehrenamtlichen Helfer, die an allen Enden schieben und ziehen.
Der Untertitel „von Senioren für Senioren“ ist dabei durchaus programmatisch: So sind nicht nur die Besucher zwischen 55 und 70, auch die meisten Helfer sind Ruheständler: „Damit fallen Hemmschwellen weg: Alle haben ähnliche Interessen und einen vergleichbaren Wissenstand“, begründet Schmidt das Konzept. „Ziel ist es, die Leute dort abzuholen, wo sie sich wissensmäßig befinden. Anstatt statische Kurse abzuhalten, soll jeder in individuellem Tempo ans Internet herangeführt werden.“
Insgesamt neun ehrenamtliche Helfer stehen den surfenden Senioren mit Rat und Tat zur Seite, unter ihnen Ralf Schmidt und Theo Brotzeller. Ralf Schmidt kommt sogar zusätzlich einmal pro Woche mit seiner Sant‘-Egidio-Gruppe nach St. Thekla. „Und die ist eifrig dabei,“ erzählt er voller Stolz: „Viele wollen sich jetzt sogar einen Rechner anschaffen.“ Die Besucher kommen aus allen Stadtteilen, überwiegend Frauen, die auch im Berufsleben schon mit dem Computer gearbeitet haben. „Männer haben entweder einen Rechner zu Hause stehen und kommen jetzt mit einer Problemliste oder sie haben überhaupt keine Ahnung und sind einfach nur neugierig“, beobachtet Schmidt.
Irene Kaczmarek ist eine der vielen treuen Besucherinnen des Internetcafés; sie kommt alle 14 Tage nach St. Thekla, um gezielt nach etwas zu suchen oder einfach nur „ein bißchen mit dem Kopf zu arbeiten“. Heute will sich die 68-Jährige Informationen zu einer geplanten Reise nach Sachsen-Anhalt zusammenstellen. „Besonders Naumburg interessiert mich, dort bin ich geboren.“, lächelt sie.

"Ich bin drin": Irene Kacmarek (oben) und Anita Schipper (unten) sind regelmäßige Besucher im Internetcafe.
Foto: Anja Legge
So wird für sie wie für viele ihrer Surfkolleginnen die Reise in den Osten auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Vorsichtig und mit leuchtenden Augen führt die agile Dame die Maus über den Bildschirm, sucht Menüpunkt für Menüpunkt durch, druckt Adressen aus, bestellt Prospekte. „Am Anfang hatte ich schon ein bißchen Angst“, gibt sie zu. „Man geniert sich halt einfach! Denn wenn man die jungen Leute mit der Maus über den Bildschirm huschen sieht, kommt man gar nicht mit!“ Dass das hier anders ist, findet sie toll am Senioren-Internetcafé: „Die anderen können nicht mehr als ich! Außerdem halte ich mir den ganzen technischen Kram vom Hals. Und wenn der Computer mal abstürzt oder ich gar nichts mehr finde, ist sofort jemand da.“
Auf ihrem „schlauen Block“ hat Irene Kaczmarek in fein säuberlicher Handschrift ganze Listen von Internetadressen notiert, dazwischen kleben Zeitungsausschnitte und Tipps aus Illustrierten. Was sie interessiert: seniorenbezogene Themen, Altersvorsorge, Kliniken – und Tai-Chi: „Die Jüngeren in meinem Kurs machen alles übers Internet.“, erzählt sie. „Wenn man da nicht mit der Technik geht, bleibt man schnell außen vor.“ So hat sie sich auf Anraten der jungen Leute bereits eine ganze Liste mit Tai-Chi-Lehrern ausgedruckt – und auch den Tipp mit den Suchmaschinen hat sie von ihnen.
Nebenan ruft Anita Schipper, 66 Jahre, gerade ihre E-Mails ab. „Sie haben eine Grußkarte erhalten!“, sagt E-Mail Nummer eins. Nach einem fragenden Blick klickt sie beherzt auf den angegebenen Link und schon winkt ihr ein Bär entgegen. E-Mail Nummer zwei ist ein Gruß vom Neffen; der lebt mit seiner Frau und den beiden kleinen Zwillingen in Bielefeld. Und da die Familie ja nicht ständig auf Besuch kommen kann, wird eben per E-Mail kommuniziert. Heute ist sogar ein Foto mit dabei, von dem der alten Dame zwei süße Kerlchen entgegengrinsen. Doch beim Ausdrucken wird das schöne Photo wird in zwei Teile zerschnitten. Ein flehender Blick zu Betreuer Schmidt und schon ist Hilfe da: Schritt für Schritt erklärt er ihr den Umgang mit einem Bildbearbeitungsprogramm, bis das gewünschte Ergebnis vor ihr liegt.

Warum sie das alles macht? „Weil ich mit der Familie in Kontakt bleiben will! Sonst kommt rasch der Vorwurf: Mutter, du bist rückständig!“ Außerdem nutzt Anita Schipper das Internet gerne zur gezielten Informationsbeschaffung. So hat sie sich heute morgen ein Hautpflegeprogramm bestellt und jetzt braucht sie noch ein paar Infos über Wolga-Deutsche für ihre Ahnentafel.
 
Nur keine Scheu!
Gemeinsam mit ihr kommt Elisabeth Winter, 63 Jahre, allwöchentlich ins Surfcafé; sie war von Anfang an mit dabei und das soll auch so bleiben! Geschäftig tippt und klickt sie sich durch den Adress- und Informationsdschungel. Dann ein stolzer Ausruf: „Ich bin drin, das Weiße Haus!“ Auf der Website ist George Bush im Oval Office zu sehen – „ein interessantes Bild“, kommentiert sie. Dann überfliegt sie kurz eine englische Rede der First Lady, verschafft sich einen Überblick über die Präsidenten der USA und macht einen Rundgang durch die amerikanische Geschichte. „Das alles ist so interessant, dass ich stundenlang im Internet surfen könnte. Manchmal muss ich mich richtig beherrschen, damit ich nicht zu viel Zeit hier verbringe.“
Die spannendsten Adressen und Tipps bekommt sie von den beiden in den USA lebenden Schwägerinnen: „Sobald die in ihren E-Mails von Orten und Ereignissen in Amerika erzählen, gehe ich ins Internet, um mir selbst ein Bild zu machen“, erklärt sie. Wichtig ist aber auch ihr „chaotisches Notizbuch“, in dem sie Surftipps und Anleitungen sammelt. Denn: „Wir finden, was wir wollen, und wenn wir danach graben müssen!“, erklärt die agile Dame kämpferisch.
Annemarie Meinardi nimmt sogar einen langen Weg quer durch die ganze Stadt auf sich, um jede Woche eine Stunde zu surfen. Da sie früher im Büro schon mit dem PC gearbeitet hat, hat sie keine Scheu vor der Flimmerkiste. Zu Hause möchte sie aber lieber keinen Internetzugang haben, „sonst surfe ich den ganzen Tag und das wird dann zu teuer!“ Neben Reisezielen und Sehenswürdigkeiten interessieren sie vor allem brandneue Nachrichten aus aller Welt. Gelassen arbeitet sie vor sich hin, klickt versiert Werbefelder aus und hangelt sich von Link zu Link. Am Ende ihrer Internetsession steht freilich immer eine Runde des Spiels „Wer wird Millionär?“ – „als Belohnung und Training für die grauen Zellen“, lächelt sie verschmitzt.
 
Plauderfreudige Community
Natürlich ist Herbert Schmidt mit seinem Senioren-Internetcafé auch mit einer eigenen Homepage im Internet vertreten: Unter www.seniorentreff.de – einer Art Dachorganisation, der man sich freiwillig angeschlossen hat – findet man auch den mit viel Liebe zum Detail gestalteten Internetauftritt der Würzburger. Schmidt will hier „einen Informationsmarktplatz bieten, um Senioren die Möglichkeiten des Internets nahe zu bringen.“ Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Kommunikation und dem Ins-Gespräch-Kommen: Neben Pinnwand und Gästebuch steht auch eine Verlinkung zu einem Senioren-Chat und verschiedenen Diskussionsforen: „Dort trifft man auf eine plauderfreudige Community von mittlerweile mehr als 1000 Leuten“, erzählt Schmidt. „Und das Gute daran ist, dass eigentlich immer jemand drin ist. Menschen, denen im Alter der Kontakt zur Außenwelt erschwert ist, können so leicht neue Bekanntschaften knüpfen und der Einsamkeit entfliehen.“ Und schließlich will die Website nicht nur das virtuelle Gespräch fördern, sondern auch reale zwischenmenschliche Kontakte knüpfen. Deshalb gibt es stets Aktionen und Unternehmungen, auf die besonders hingewiesen wird, so das kürzlich arrangierte Seniorentreffen „Kunst & Kommunikation“ oder ein Tag mit dem Senior-Info-Mobil.

Gründer: Herbert Schmidt will Senioren zusammenbringen

Foto: Anja Legge