05.09.2003 19:00

 

"Ich will mithalten können"
 
Würzburg Renate Doenst ist 80 Jahre alt und surft regelmäßig durchs Netz. Ganz nebenbei hat sie dadurch voriges Jahr lang verschollene Verwandte in Amerika wiedergefunden, die ihr Mann nach dem Krieg aus den Augen verloren hatte. Mit denen chattet sie jetzt fleißig, und nächstes Jahr werden die wiedergefundenen Familienangehörigen sogar nach Deutschland kommen. Das Senioren-Internetcafé macht's möglich.
 
 
 
  Foto: FOTO THERESA RUPPERT


Renate Doenst ist die älteste Besucherin der Aktivgruppe "Internetcafé ,Von Senioren für Senioren' - Würzburg". Die Gruppe wurde im April 2000 von Herbert Schmidt gegründet und will älteren Mitbürgern den Umgang mit dem Computer schmackhaft machen.

 

Gutgelaunte Leute, die wie gebannt vor der Computermattscheibe sitzen, das "Universum des Internets" erkunden und über Excel, Bits und Bytes fachsimpeln: Nach altmodischen einsamen Senioren kann man im Internetcafé für Senioren lange suchen. "Die neue Herausforderung hält die Leute jung", sagt Peter Wisshofer, einer der Helfer, die hier den Menschen beim Umgang mit dem Computer zur Seite stehen. Außerdem sei das Internetcafé auch für kontaktscheue Senioren eine gute Möglichkeit, neue Freunde zu finden - sei es im Chatroom oder im sehr familiär gehaltenen Café selber.

"Es ist schön, dass immer jemand da ist, der mir hilft", meint Stammgast Eva Nitzsche, die sich im Internet gerade über ihr größtes Hobby, die Pferde, informiert. Die Helfer betreuen die Senioren mit viel Geduld. "Es gibt viele, die sich schon immer für Computer interessiert haben, aber die Enkel oder sonstige Familienangehörige hatten nie die Geduld, alles lange zu erklären. Wir gehen da viel langsamer vor", so Wisshofer. Es werden auch Workshops angeboten, um Word-Kenntnisse zu vermitteln. Besucht werde das Internetcafé von Leuten zwischen 55 und 81 Jahren, und auch Menschen mit Körperbehinderungen seien herzlich eingeladen.

"Ich sehe den Fortschritt, und es ist wichtig, dass man mithalten kann", meint Gerlinde Stark, 62 Jahre alt. Das sieht Herbert Schmidt genauso: "Ich habe gemerkt, dass die ganzen Alten rausgebeten worden sind." Dieser Entwicklung wollte er entgegenwirken, und die Diskussion zwischen Jung und Alt neu anregen.

Deshalb hat er auch eine Homepage mit dem Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik ins Leben gerufen, auf der sich "alte Hasen" und die Jungen austauschen können.

Auch für die ganz Jungen hat man sich was einfallen lassen: Einmal pro Woche vermittelt Paul Weissinger, einer der Helfer im Internetcafé, in der Burkarder Volksschule Würzburg den Kindern erste Kenntnisse in Textverarbeitung. "Die Kinder opfern dafür sogar ihre Pausen", erzählt Herbert Schmidt.

Die Aktivgruppen gibt es mittlerweile in Ochsenfurt, Schweinfurt, Marktheidenfeld, Marktbreit, Aschaffenburg und Kitzingen. Und es werden nationale und sogar internationale Chattertreffs organisiert.

Herbert Schmidt und seine Helfer arbeiten ehrenamtlich. Besonders der Anfang sei schwer gewesen, die Computer mussten ja erst angeschafft werden, erklärt er. Die Stadt habe zwar etwas Startgeld gegeben, und man erhalte immer noch kleine Zuwendungen. Dennoch sei man auf Sponsoren angewiesen. Um die hohen Telefonkosten durch die Internetnutzung abzudecken, zahlen die Besucher 2,50 Euro die Stunde.

Bisheriger Höhepunkt der Arbeit war die Verleihung des Bürgerkulturpreises 2002 durch den Bayerischen Landtag. Für die Zukunft hat die Aktionsgruppe ein Schulungsprogramm und ein zweites Internetcafé in Würzburg, wahrscheinlich im Westen der Stadt , geplant. "Es gibt viele Anfragen von Leuten, die kommen wollen, aber es ist für sie zu weit weg."

Adresse: Caritas-Seniorenzentrum
St. Thekla, Ludwigkai 12, 97072
Würzburg, Tel. (09 31) 7 84 77 35.

Öffnungszeiten: Dienstag 9 -12
Uhr, Mittwoch 14 - 17 Uhr

Internet: www.stufr.de