Main-Post, Marktheidenfelder Zeitung vom 20.10.2001

"Ich bin das absolute Greenhorn hier"   

Internetcafé für Senioren in Marktheidenfeld: Eine 72-Jährige entdeckt das "Abenteuer Internet"

Walter Klein, Betreuer beim Marktheidenfelder Internetcafe "Von Senioren für Senioren", hilf Ursula Überschär beim Schreiben einer perfekten E-Mail. Auf Hündin "Olga" ist das "Internet-Fieber" dagegen noch nicht übergesprungen.
Foto: Martina Schneider

"Ja, es klappt!" Ursula Ueberschär klatscht vor Begeisterung in die Hände. Gerade hat die 72-Jährige ihre erste E-Mail an ihre Nichte Franzi in Dresden abgeschickt.

"Ich bin hier noch das absolute Greenhorn", lächelt die Rentnerin verschmitzt, aber zufrieden mit ihrem Erfolg. Neugierig auf die Technik und begierig, mit all ihren Freunden in Indien und Südafrika kommunizieren zu können, stürzte sie sich vor vier Wochen in das "Abenteuer Internet".

 

Ein Artikel in der MAIN-POST habe sie auf die Idee gebracht, das neue Internetcafé "Von Senioren für Senioren" im Franck-Haus in Marktheidenfeld zu besuchen. "Ich dachte mir, schau es dir einmal an", erzählt sie.

Hund aus dem Internet

Und dabei blieb es nicht. Seit vier Wochen kommt die 72-Jährige jeden Mittwochvormittag zum "Surfen" (Durchsuchen der Internetseiten) ins Franck-Haus. Seit kurzem hat sie auch ihre Hündin "Olga" dabei. Der Mischling liegt friedlich unter dem Stuhl auf seiner Decke und wartet geduldig, bis sich Frauchen wieder vom Computer-Netz trennen kann.

"Meine Olga habe ich übers Internet gefunden", berichtet die Wüstenzellerin stolz. Zusammen mit Herbert Schmidt, dem Initiator des Marktheidenfelder Internetcafés, und einem der vier Betreuer hat sie stundenlang im "Netz" nach einem vierbeinigen Freund gesucht.

"Meinen alten Hund habe ich im letzten Jahr einschläfern lassen müssen, und ich wollte unbedingt wieder einen haben", erzählt sie. Über sieben Ecken fand sie schließlich "Olga", eine Straßenhündin aus Madrid, die sie vor dem Einschläfern rettete. Nachdem das geschafft war, stürzte sich die 72-Jährige mit Begeisterung auf ihr neues Projekt: "Ich habe Freunde in der ganzen Welt, die möchte ich jetzt mit meinen E-Mails bombadieren", kündigt sie mit blitzenden Augen an.

Walter Klein, Regionalleiter des Computeranwenderverein "Auge" und ebenfalls einer der technischen Betreuer des Marktheidenfelder Internetcafés sitzt neben ihr und erklärt geduldig jeden Schritt vom ersten Buchstaben der Nachricht bis zur fertigen elektronischen Botschaft. "Olga" schaut gelangweilt zu. Drei Rechner stehen den Senioren in zwei Räumen im Erdgeschoss des Franck-Hauses seit dem 1. August zur Verfügung. 100 Besucher konnte das Internetcafé seit seinem Start vor sechst Wochen schon verzeichnen. "Wir haben fast nur Stammbesucher, die regelmäßig kommen", erklärt Schmidt, der mit Marktheidenfeld inzwischen das vierte Internetcafé dieser Art im Landkreis ins Leben rief. "Wir wollen jeden Einzelnen ans Internet heranführen", erklärt der 64-Jährige. "Wir möchten aber auch die Kommunikation zwischen den Einzelnen fördern, sie sollen voneinander lernen."

Schmidts Ziel ist es, in der Zukunft "ein richtiges Netz" solcher Internetcafés für Senioren in Unterfranken einzurichten. Und damit ist er auf dem richtigen Weg, denn das Interesse zeigt, dass der Bedarf da ist. "Als nächstes wollen wir in Kitzingen ein Internetcafé aufmachen", verrät Schmidt. In Würzburg, Ochsenfurt und Schweinfurt betreut er bereits solche Einrichtungen, in denen den Senioren die Angst vor der Technik genommen und die Neugier aufs Internet geweckt wird.

"Meine Enkel sitzen auch schon vor dem Computer. Da kommt man sich doch dämlich vor, wenn man nicht mitkommt", gesteht Ueberschär. Deshalb hat sie sich vorgenommen zu lernen, damit sie in Zukunft "mitreden kann".

Das Internetcafé für Senioren im
Franck-Haus hat geöffnet diens-
tags von 14 bis 17 Uhr und mitt-
wochs von 9 bis 12 Uhr. Weitere
Informationen unter der Telefon-
nummer: (0 93 91)  8 17 68.
Von unserer Mitarbeiterin martina schneider